Du bist so anders, was mache ich nur mit mir?

Du bist so anders – was mache ich nur mit mir
Neulich, bei einem Fest hier in der Region, habe ich eine Szene beobachtet, die mich an unsere Arbeit in der Pflege erinnert hat. Zwei Menschen standen nebeneinander, lachten, unterhielten sich mühelos, schienen im gleichen Rhythmus zu sein. Alles sah leicht aus. Und dann dachte ich daran, wie dieselben Menschen vermutlich am Montag in der Frühschicht miteinander arbeiten würden – und wie schnell sich diese Leichtigkeit in Anstrengung verwandeln kann, sobald der Alltag dazwischengeht. In der Pflege begegnen wir täglich Menschen, die ganz anders ticken als wir selbst. Kolleginnen, Kollegen, Angehörige, Patientinnen und Patienten – überall unterschiedliche Rhythmen, Denkweisen, Bedürfnisse. Und im Stress fragen wir uns dann oft: „Wie soll ich mit diesem Menschen umgehen?“ Dabei wäre eine andere Frage viel hilfreicher: Was macht diese Unterschiedlichkeit eigentlich mit mir?
Eine Pflegende, nennen wir sie Sabine, hat mir neulich im Coaching von ihrer Kollegin Cordula erzählt. Beide arbeiten seit Jahren eng zusammen, beide tragen Verantwortung, beide sind fachlich stark – und dennoch geraten sie immer wieder aneinander. Sabine erlebt Cordula als unberechenbar, herrisch, manchmal zynisch. Sie sagt: „Ich kann so nicht arbeiten.“ Und dahinter liegt ein Bedürfnis, das viele aus der Pflege gut kennen: das Bedürfnis nach Struktur, nach Klarheit, nach Verlässlichkeit in einem Umfeld, das ohnehin schon kaum planbar ist. Sabine braucht Ordnung, damit sie sich sicher fühlt. Sie möchte nachvollziehen können, wer was tut. Sie möchte Dinge vollständig wissen, weil sie Verantwortung trägt – für sich, für das Team, für die Versorgung.
Cordula dagegen arbeitet anders. Sie braucht Spielraum, um Situationen intuitiv handhaben zu können. Sie entscheidet im Moment, sie denkt schnell, sie fühlt sich eingeengt, wenn Abläufe zu strikt sind. Während Sabine Stabilität durch Struktur gewinnt, entsteht Cordulas Stabilität eher durch Freiheit. In der Theorie würde man sagen: zwei verschiedene Wege, mit Belastung und Komplexität umzugehen. In der Praxis wirkt es oft wie ein persönlicher Konflikt – obwohl es keiner ist. Beide versuchen schlicht, gut durch den Tag zu kommen. Und beide meinen es gut.
Das eigentlich Spannende ist, dass sich diese unterschiedlichen Bedürfnisse im Pflegealltag häufig gegenseitig irritieren. Wenn Sabine Prozesse klärt, erlebt Cordula das als Einschränkung. Wenn Cordula spontan entscheidet, erlebt Sabine das als Unsicherheit. Und sobald in solchen Situationen Stress oder Konkurrenzgefühle dazukommen – Wer entscheidet? Wer weiß mehr? Wer macht es „richtig“? – wird aus dieser Unterschiedlichkeit etwas, das sich plötzlich wie ein Konflikt anfühlt. In Wahrheit sind es zwei innere Systeme, die versuchen, stabil zu bleiben.
Im Coaching habe ich Sabine gefragt, wie ihr Arbeitsplatz aussieht. Alles geordnet, alles beschriftet, alles nachvollziehbar. Sie braucht das, weil ihr Kopf davon ruhig wird. Dann haben wir darüber gesprochen, wie Cordulas System funktionieren könnte. Vermutlich weniger sortiert, eher suchorientiert, mit schnellen Entscheidungen. Nicht schlechter – einfach anders. Als Sabine das sagte, veränderte sich etwas. Die Schärfe war raus. Das Verhalten ihrer Kollegin wirkte nicht mehr wie eine Provokation, sondern wie ein Muster, das verstehbar wird.
In der Pflege, besonders in Palliative Care, trägt unsere Art miteinander zu arbeiten direkt dazu bei, wie gut wir Menschen in Krisen begleiten können. Unterschiedlichkeit in Teams ist normal. Entscheidend ist, dass wir verstehen, was diese Unterschiedlichkeit in uns selbst auslöst. Wenn ich weiß, warum ich auf eine Kollegin mit Bauchgrummeln reagiere, entsteht eine Freiheit, die Beziehung neu zu gestalten. Ich muss sie nicht mögen. Ich muss sie nicht ändern. Aber ich kann verstehen, was ihr Tun in mir bewegt – und wie ich mich in dieser Zusammenarbeit stabil halte.
Teams brauchen nicht immer neue Methoden oder die perfekte Struktur. Sie brauchen die Erlaubnis, verschieden zu sein. Und sie brauchen Gespräche, in denen klar wird: Was brauchst du, damit du arbeitsfähig bleibst? Und was brauche ich? Wenn das ausgesprochen werden darf, entsteht eine Basis, die auch unter Druck trägt.
Am Ende unseres Gesprächs sagte Sabine einen Satz, der mich berührt hat: „Vielleicht beginnt Cordulas Stärke dort, wo meine endet.“ Ich glaube, in diesem Gedanken steckt viel Potenzial für unseren Berufsalltag. Nicht, weil wir uns anpassen müssen, sondern weil wir uns zutrauen dürfen, unterschiedlich zu bleiben – und trotzdem gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Vielleicht reicht dafür manchmal nur die Frage, die wir viel zu selten stellen:
Du bist so anders – was mache ich nur mit mir?
„Wir müssen einander nicht ähnlich sein, um miteinander klarzukommen. Wir müssen nur begreifen, was uns unterscheidet.“
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